Bernd Läufer Livres



Die Demaskierung des Spießbürgertums und die Demontage der Wirklichkeit gelten als zentrale Themen expressionistischer Literatur. Hierzu zählt ebenso die Darstellung des grundlegenden Konflikts zwischen Welt und Individuum, das im Kampf um Selbstfindung und Selbstbehauptung an ihr zerbricht. Die Analyse ausgewählter Texte zeigt, daß kaum jemand diese Inhalte so konsequent umgesetzt hat wie Jakob van Hoddis. Bei ihm findet sich der Rezipient gemeinsam mit dem Autor und seinen Figuren stets im Zentrum des Labyrinths der menschlichen Existenz wieder. Die gewohnten literarischen Maßstäbe verlieren dabei vor allem dort ihre Gültigkeit, wo der Frühexpressionist die Auflösung der konventionellen Sinnzusammenhänge betreibt und das Visionär-Halluzinatorische dominiert.
Jakob van Hoddis, frühexpressionistischer Schriftsteller «mosaischer Religion» und enger Freund Georg Heyms, Kurt Hillers und Erwin Loewensons, ist auch heute noch weitgehend unbekannt. Die vorliegende Untersuchung will durch die umfassende Analyse des «Varieté»-Zyklus, in dem sich die Vielfalt von Form und Aussage der Lyrik van Hoddis' widerspiegelt, die Bedeutung des bisher weitgehend auf die Rezeption von «Weltende» beschränkten Gesamtwerkes aufzeigen. «Varieté» charakterisiert mit den für van Hoddis wie für den Frühexpressionismus typischen formalen und stilistischen Mitteln die Bedrohung, Deformation und Zerstörung des Individuums und seiner Umwelt als Ergebnis der Überforderung des Menschen durch die entpersönlichenden Lebensverhältnisse der industrialisierten Gesellschaft.