Sprechstunden für die deutsch-französische Verständigung und die Mitglieder des Gemeinsamen Marktes
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Lyon 1947. Zwei Freunde, ein Deutscher und ein Franzose, sind vom gleichen Jahrgang 1927. Doch sie stammen aus Ländern, die seit Unzeiten eine tiefe Feindschaft pflegten, und ihre Jugend war geprägt vom Krieg gegeneinander. Dagegen gab es den einen Traum: von der Freiheit, vom eigenen Leben. Der eine will reisen, bis in die Wüste Kalahari, und wie Rimbaud umherziehen auf drei Kontinenten. Der andere aber kehrt zurück nach Hause und wird eine Konstante bleiben im unsteten Leben seines Freundes. Harigs Buch ist die Beschwörung einer Freundschaft, die alle so ganz entgegengesetzten Lebensentscheidungen überstand, aber auch die Geschichte jener Freiheitsträume, die eine ganze Nachkriegsgeneration geprägt haben.
Der Krieg ist vorbei: Der bald achtzehnjährige Ludwig Harig wird am 6. Mai 1945 auf der Schwäbischen Alb »befreit«, aus einem begeisterten Jung-Nazi soll ein Demokrat werden, aus dem Schüler einer nationalsozialistischen Erziehungsanstalt ein demokratischer Erzieher der neuen Generation. Die Lektion, die gelernt werden muß, ist nicht leicht, vor allem nicht in der katholischen Provinz, im Saarland, das unter französischer Verwaltung steht. Ludwig Harig begibt sich mit diesem dritten autobiographischen Roman erneut auf Spurensuche und entwirft ein beeindruckendes Bild seiner deutschen Nachkriegswirklichkeit.
Der bekannte saarländische Dichter Ludwig Harig bereist im Rhythmus der Jahreszeiten sein Land. Er beschreibt sehr persönlich die wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Hauptstadt Saarbrücken und die seiner Region, die durch die Nachbarschaft zu Frankreich mit dem Lebensgefühl des „Savoir-vivre“ erfüllt ist. Die pittoresken Dörfer in einer Landschaft, die die Saar durchschlängelt, Rebhänge, die köstlichen Wein hervorbringen, und im Gegensatz dazu die Schwerindustrie die mit der Saarkohle die Stahlwerke befeuert. Beeindruckende Industriekultur ist erhalten, die wie die Völkinger Hütte, die zum Weltkulturerbe ernannt wurde, Zeugnis ablegt von der Wirtschaftskraft des Saarlands. Die vielen Gesichter dieses kleinen Landes hat Ludwig Harig ausführlich beschrieben und Siegfried Layda mit eindrucksvollen Fotos porträtiert.
Ludwig Harig hat mit diesem Buch das Porträt seines Vaters nachgezeichnet. In immer neuen Anläufen näherte er sich Leben und Persönlichkeit des Vaters, den äußeren Begebenheiten und vor allem jenem Geist von Zucht und Ordnung, von Haltung und Sitte, der ihm diesen Menschen in seinen Denkn und Handeln erst begreifbar machte.
Am Anfang steht ein furchtbares Ereignis: Im Park der Familie Rossell stößt ein Mädchen einen Jungen ins Wasser des Blaubachs - und der Junge ertrinkt. Es folgt eine Geschichte von Liebe, Eifersucht und Tod. Und schließlich die Frage: ist das alles wahr, was uns Ludwig Harig hier erzählt - oder spielt ihm die Erinnerung einen Streich? Diese und die Entstehung der Geschichte beim Schreiben verschränken sich zu einem Triumph der Erzählkunst.
Ludwig Harig erzählt seine eigene Jugendgeschichte nach, eine kleindeutsche Geschichte, die wie selbstverständlich in der großdeutschen Katastrophe aufgeht. Eine behütete Kindheit in der deutschen Provinz, an der Grenze zum »Erbfeind« Frankreich, das der Schüler zunächst bekämpfen mußte und das dem Studenten später Gastland wurde. Er erzählt von den abrupten Wenden, den persönlichen wie den geschichtlichen, und wie man sich mit ihnen arrangiert hat: von der Saarabstimmung, von seiner Zeit als begeisterter Trommler bei der Hitler-Jugend, vom Reichsarbeitsdienst, vom Indianer, der gar nicht ungern Soldat werden wollte. So liest sich dieses Buch wie ein bewegendes Dokument über die Macht der Verführung und die Ohnmacht der Vernunft bis zum bitteren Ende.